TERROR

Terror

der Selbstmordanschlag an sich war eine Erfindung der Tamil Tigers in Sri Lanka, einer nationalistischen Separatistengruppe, die mit Religion überhaupt nichts im Sinn hatte. Sie hat in zwanzig Jahren für mehr als zweihundertsechzig Selbstmordanschläge die Verantwortung übernommen. Robert Pape von der University of Chicago hat jeden einzelnen Selbstmordanschlag weltweit in der Zeit von 1980 bis 2004 untersucht und kommt zu dem Schluss, dass es »kaum Verbindungen zwischen dem Selbstmord-Terrorismus und dem islamischen Fundamentalismus oder überhaupt irgendeiner Religion« gebe. Von den achtunddreißig Selbstmordanschlägen im Libanon während der 1980er Jahre wurden acht von Muslimen, drei von Christen und siebenundzwanzig von Säkularisten und Sozialisten begangen. Was jedoch alle Selbstmordanschläge gemeinsam haben, ist ein strategisches Ziel: »die liberalen Demokratien dazu zu zwingen, ihre Streitkräfte aus den Gebieten abzuziehen, die die Terroristen als ihre Heimat betrachten.« Selbstmordanschläge sind also im Wesentlichen eine politische Antwort auf militärische Besatzung. (Auszug aus dem Buch "Im Namen Gottes: Religion und Gewalt" von Karen Armstrong, Dr. Ulrike Strerath-Bolz)

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Und so wurde der neue Rama-Tempel für die Hindu-Nationalisten zum Symbol eines befreiten Indien. Die dadurch hervorgerufenen Gefühle fanden ihren Ausdruck vor allem in einer Rede der weithin verehrten Gewaltgegnerin Rithambra in Hyderabad im April 1991, die sie in den Versen der epischen Dichtung Indiens vortrug. Der Tempel würde kein bloßes Gebäude sein, und Ayodhya war nicht nur deshalb wichtig, weil Rama dort geboren war: »Der Rama-Tempel ist unsere Ehre. Er ist unsere Selbstachtung. Er ist das Abbild der Einheit aller Hindus. Wir werden den Tempel bauen! Rama repräsentierte das Bewusstsein der Massen, er war der Gott der unteren Kasten – der Fischer, Flickschuster und Wäscher. Die Hindus trauerten um die verlorene Würde, Selbstachtung und Hindutva. Aber die neue Hindu-Identität konnte nur durch die Zerstörung des antithetischen »Anderen« zurückgewonnen werden. Der Muslim war das Gegenteil des toleranten, gütigen Hindu: fanatisch intolerant, ein Zerstörer von Heiligtümern und ein Erztyrann. Rithambra schmückte ihre Rede von Anfang bis Ende mit lebhaften Bildern verstümmelter Leichen, amputierter Arme, aufgeschlitzter Brustkörbe wie bei sezierten Fröschen, von Körpern, die geschlagen, verbrannt, vergewaltigt und verstümmelt worden waren. Und all das erinnerte an Mutter Indien, die vom Islam entweiht und verwüstet worden war. Die achthundert Millionen indischen Hindus können kaum behaupten, sie würden ökonomisch oder sozial unterdrückt, also bemühen die Nationalisten solche Bilder der Verfolgung und erklären immer wieder, eine starke Hindu-Identität könne nur durch entschiedenes gewaltsames Handeln wiedererrichtet werden. (Auszug aus dem Buch "Im Namen Gottes: Religion und Gewalt" von Karen Armstrong, Dr. Ulrike Strerath-Bolz)

von Johannes Hausen

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März 24 2016, 12:09pm

Kartografie des Terrors: Diese Animation zählt alle Terror-Angriffe seit 1970

Wie haben sich terroristische Attentate in den letzten Jahrzehnten global verlagert und wo sind die meisten Opfer zu beklagen?

von Johannes Hausen  März 24 2016, 12:09pm

Seit 1970 hat es auf der ganzen Welt mehr als 140.000 Terrorattacken gegeben. Diese Zahl stammt aus der Global Terrorism Database (GTD), der größten öffentlich zugänglichen Datenbank terroristischer Anschläge.

Der New Yorker Terrorismusforscher Hammad Sheikh hat aus den Daten der GTD eine interaktive Animation geschaffen, die zeigt, wie sich welche Arten von Terror in den letzten fünf Jahrzehnten wo auf der Welt ausgebreitet haben.

You can see the shift from communist #terrorism to Islamic terrorism after the collapse of the Soviet Union. pic.twitter.com/ixZkmpZz9d
— Hammad Sheikh (@HammadSheikh) 23. März 2016

Deutlich zu erkennen ist, dass Terrorangriffe in südamerikanischen Ländern weitgehend zurückgegangen sind und in den letzten Jahren stark in Nordafrika und dem Mittleren Osten zugenommen haben. „Man kann eine Verlagerung vom kommunistischen Terror hin zum islamischen Terrorismus nach dem Kollaps der Sowjetunion erkennen", erläutert Sheikh seine Animation.

Auf Sheikhs Website, deren Server momentan etwas überlastet scheint, könnt ihr die Kategorisierung der Terrordaten der GTD auch auf die Visualisierung anwenden: So unterscheidet die Datenbank beispielsweise Bombenanschläge, Entführungen, Geiselnahmen, bewaffnete Überfälle, Infrastrukturanschläge und unbewaffnete Angriffe sowie, ob es sich um ein Selbstmordattentat gehandelt hat oder nicht. Jede einzelne terroristische Tat symbolisiert Sheikh dabei mit einem roten Punkt auf der Weltkarte.

Wählt man nun beispielsweise die Kategorie „Selbstmordanschläge" aus, wird deutlich, dass es diese vor 1990 so gut wie gar nicht gab und ihre Zahl in den letzten drei Jahren explosionsartig angestiegen ist. Eben diese Jahre waren in Westeuropa vergleichsweise terrorfrei—wie eine weitere Datenvisualisierung von Statista zeigt, die ebenfalls auf den Daten der GTD basiert:

Gemessen an den absoluten Zahlen von Terrortoten waren die 1970er und 1980er Jahre in Westeuropa dank aktiver Terrorzellen wie IRA, ETA oder RAF deutlich blutiger als die Zeit nach 2000—mit Ausnahme der Jahre 2004 (Anschläge von Madrid) und 2015 (Anschläge von Paris).

Die größte Zahl an Opfern terroristischer Angriffe hat seit der Jahrtausendwende der Irak zu verzeichnen. Mit 42.759 getöteten Menschen verzeichnet das Land mehr als ein Drittel der weltweiten Terrortoten in dieser Zeit.

Die erdrückenden Zahlen der weltweiten Terrorangriffe machen dabei auch deutlich, was es bedeutet, wenn Militärexperten davon sprechen, dass wir in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Aufstieg asymmetrischer Kriegsführung erleben. Damit wird vor allem die neue Dimension von bewaffneten Konflikten nach dem Ende des Kalten Krieges bezeichnet, bei denen sich nicht mehr Nationalstaaten mit konventionellen Waffen gegenüberstehen, sondern bei denen technisch weit unterlegene Angreifer, wie zum Beispiel Terroristen, mit einer Taktik der Nadelstiche versuchen, ihre Gegner möglichst hart zu treffen. Die jüngste Taktik des IS ist es dabei spätestens seit den Pariser Anschlägen, sogenannte weiche Ziele, also kaum gesicherte Alltagsorte, zu treffen.

Selbstmordanschläge sind Teil dieser Taktik und keinesfalls immer religiös motiviert, wie Politikwissenschaftler Robert Pape von der Uni Chicago gegenüber The Nation erklärt: „Was 95 Prozent aller Selbstmordattentäter seit 1980 gemeinsam haben, ist nicht Religion, sondern einen spezifischen strategische Beweggrund, auf eine militärische Intervention zu reagieren, oftmals eine militärische Besetzung von Territorium, das die Terroristen als ihr Heimatland oder sehr wertvoll betrachten."

Die GTD, die für ihre umfassende Datenbank unter der Aufsicht von zwölf Terrorismus-Experten insgesamt vier Millionen Nachrichtenmeldungen und 25.000 Nachrichtenquellen analysiert hat, definiert eine Terrorattacke folgendermaßen: Androhung oder Gebrauch von illegaler Gewalt durch einen nicht-staatlichen Akteur, um ein politisches, ökonomisches, religiöses oder soziales Ziel mittels Furcht, Zwang oder Einschüchterung zu erreichen.

Eines wird bei der Betrachtung der schieren Masse an Terrorangriffen überall auf der Welt, seien sie nun religiös, politisch oder sozial motiviert, überdeutlich: Jeder Tote ist einer zu viel.

"Doch allen hochstilisierten Videos zum Trotz weiß niemand, was in den Köpfen von Selbstmordattentätern vorgeht, wenn sie tatsächlich einen Lkw in ein Gebäude fahren oder auf einem überfüllten Marktplatz eine Bombe zünden. Die Vorstellung, sie täten dies nur für Gott oder seien ausschließlich durch islamische Lehren motiviert, ignoriert die natürliche Komplexität aller menschlichen Motivation. Kriminalpsychologen, die Überlebende befragt haben, stellen fest, dass die Sehnsucht nach einem Heldentod und nach Unsterblichkeit ein starker Faktor ist. Andere Möchtegern-Märtyrer sprachen von der Ekstase des Kampfes, der dem Leben Sinn und Zweck verleiht, ein Gefühl, das nahe an religiöse Begeisterung heranreicht, wie wir gesehen haben, aber an sich nicht religiös ist." (aus "Im Namen Gottes: Religion und Gewalt" von Karen Armstrong, Dr. Ulrike Strerath-Bolz)